Eigentlich begann alles mit einem einfachen Wunsch: Ehrengard Saborowski wollte Niederländisch lernen. Als Bewohnerin der Grenzregion erschien ihr das nur folgerichtig. Dass dieser Wunsch sie schließlich in ein ehrenamtliches Engagement führen würde, das sie emotional tief berührt, hätte sie nicht erwartet.
Noch während ihrer beruflichen Laufbahn als Medizinische Fachangestellte (MFA) und Entspannungspädagogin hatte sie bereits Kurse besucht, doch das Gefühl blieb, dass sich eine Sprache einem wirklich erst dann erschließt, wenn man sie im Alltag hört, spricht und lebt. Einen zusätzlichen Motivationsschub erhielt sie durch die Heirat ihrer Tochter mit einem Niederländer.
Der entscheidende Moment kam eher zufällig, erinnert sich die heute 73-jährige Ehrengard Saborowski. Im Juni 2022 saß sie in einem Straßencafé im niederländischen Aalten, als ihr Blick auf das Onderduikmuseum fiel. Einer spontanen Eingebung folgend betrat sie das Gebäude und fragte, ob sie dort helfen könne – ganz unkompliziert, vielleicht im Café oder an der Rezeption. Das war der Beginn eines Weges, der ihr Leben nachhaltig veränderte.
Langsames Herantasten
Zunächst beobachtete sie die Abläufe am Empfang, unterstützte kleinere Tätigkeiten und begleitete Besucher als Zuschauerin und Zuhörerin. Schritt für Schritt gewann sie Sicherheit, wurde mehr und mehr mit der Sprache vertraut, begann kleine Gespräche in niederländischer Sprache zu führen und Besucher selbst zu begrüßen. Die positiven Rückmeldungen stärkten sie – auch wenn sie selbst ihre Sprachkenntnisse weiterhin kritisch sah.
Doch es blieb nicht bei diesen ersten Aufgaben. Eines Tages wurde sie von der Museumsleitung gefragt, ob sie sich vorstellen könne, deutsche Besuchergruppen durch das Museum zu führen. Eine Anfrage, die sie zunächst zögern ließ. Die Inhalte der Ausstellung sind tiefgehend: Sie erzählen von Verfolgung, Angst und dem Leben im Versteck während der Zeit des Nationalsozialismus in den Niederlanden. Als Deutsche empfand sie dabei eine besondere Verantwortung und auch eine tiefe Betroffenheit. Sie bat zunächst um etwas Bedenkzeit, weil sie sich nicht sicher war, ob sie der Aufgabe gewachsen sei.
Sie bereitete sich intensiv vor, las, recherchierte und durchlief die Ausstellung immer wieder allein. Je mehr sie sich mit den Schicksalen der Menschen beschäftigte, desto stärker wurde ihre emotionale Reaktion. Viele der Geschichten erschütterten sie zutiefst. „Manche gehen mir bis heute sehr nahe“, sagt sie. Gerade diese Betroffenheit war es schließlich, die sie dazu bewegte, die Aufgabe anzunehmen. Denn sie erkannte: Genau diese Gefühle machen ihre Führungen authentisch.
Erlebte Führungen
Heute begleitet sie regelmäßig deutsche Besuchergruppen durch das Museum – Schulklassen, Touristen, Radlergruppen. Mehr als zwei Führungen pro Woche möchte sie bewusst nicht übernehmen; die Auseinandersetzung mit den Inhalten fordert sie jedes Mal aufs Neue. Es ist kein routinierter Vortrag, sondern ein intensives Erleben. Auf dem Titelbild zeigt Ehrengard Saborowski ein ungewöhnliches Versteck hinter einer Waschbeckenattrappe. “Zum Glück hat niemand bei Razzien versucht, den Hahn aufzudrehen. Das hätte schlimme Folgen gehabt.” Ihre Emotionen kann und will sie dabei nicht verbergen. Im Gegenteil: Sie sieht darin eine Stärke. Die Geschichte soll nicht distanziert vermittelt werden, sondern spürbar bleiben.
Besonders eindrücklich sind die Begegnungen mit jungen Menschen. Kinder und Jugendliche stellen oft direkte und persönliche Fragen – Fragen, die zum Nachdenken zwingen. In solchen Momenten wird deutlich, wie wichtig eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist. Unterstützt wird sie dabei gelegentlich von einem niederländischen Kollegen, der familiäre Bezüge zur damaligen Zeit hat. Durch seinen Großvater, der Leiter der Widerstandsgruppe in Aalten war, kann er zusätzliche Perspektiven einbringen.
Neben den Führungen engagiert sich Ehrengard Saborowski auch in Bildungsprojekten. So unterstützt sie Miriam Pietzka, Lehrerin am Abendgymnasium des Weiterbildungskollegs Westmünsterland, die zusammen mit Schülerinnen und Schülern digitale Rundgänge für deutsche Schulklassen und Gäste entwickelte. Dieses Projekt wurde 2025 mit den Heimatpreisen der Stadt Bocholt und des Kreises Borken ausgezeichnet, da es neue Wege der Geschichtsvermittlung eröffnet. Aktuell entsteht sogar eine interaktive „Escape-Tour“, die besonders jüngere Besucher ansprechen soll. Auch hier bringt Ehrengard Saborowski ihre Erfahrungen und ihr Wissen ein.
Ein steter Balanceakt
Trotz aller positiven Erfahrungen bleibt ihr Engagement ein Balanceakt. „Gerade im Kontakt mit niederländischen Besuchern spüre ich gelegentlich noch eine innere Unsicherheit, ein schwer zu erklärendes Gefühl der Verantwortung und historischer Last“, bekennt sie leise. Doch die Reaktionen, die sie erhält, sind durchweg ermutigend. Offenheit, Freundlichkeit und gegenseitiger Respekt prägen die Begegnungen.
Für sie selbst hat das Ehrenamt viel verändert. Es hat ihr nicht nur sprachliche Sicherheit gegeben, sondern auch neues Selbstvertrauen. Vor allem hat es ihr gezeigt, wie wertvoll grenzüberschreitendes Miteinander sein kann. Aus einer anfänglichen Idee ist eine Aufgabe geworden, die sie erfüllt – trotz oder vielleicht gerade wegen der emotionalen Herausforderungen.
Ehrengard Saborowskis Engagement macht deutlich, dass Ehrenamt weit mehr sein kann als reine Hilfeleistung. Es kann Brücken bauen, Verständnis fördern und Geschichte lebendig halten. „Es ist gut, dass wir wieder friedvoll miteinander leben können und auf alte Feindseligkeiten einen anderen Blick bekommen“, lautet ihr Fazit.
Wer dem Onderduikmuseum einen Besuch abstatten möchte, kann sich unter nationaalonderduikmuseum.nl informieren. – AH –

