Junge Menschen, die geflüchtet sind, intensiv zu begleiten – Stefanie Bönemann-Kühne und ihr ehrenamtliches Team tun das engagiert.
„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es notwendig ist, junge Geflüchtete umfassend zu begleiten bei der Integration in unsere Gesellschaft. Dazu zählt vor allem die Sprachvermittlung, die Einführung in unsere kulturellen Werte und die Unterstützung bei der Berufsfindung.“ So beschreibt Stefanie Bönemann-Kühne ihre Arbeit. Sie ist als Fachkraft in der stationären Jugendhilfe bei der jusina e.v. tätig.
Das Brückenprojekt von jusina e.v. ist eine Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete, aktuell im Alter von 14 bis 19 Jahren aus neun Nationen. Frau Bönemann-Kühne verantwortet den Bereich Arbeit, Ausbildung und Beruf. Sie stellt Kontakte zu den Arbeitgebern her und vermittelt Praktikumsplätze.
„Wenn sie hier ankommen, sind sie zunächst vollkommen hilflos, können sich nicht verständigen und benötigen Begleitung in jedem Lebensbereich“, erklärt sie. Ziel des „Brückenprojekts“ ist es, die jungen Menschen schrittweise in die Selbstständigkeit zu führen. Jeder Jugendliche hat einen „Bezugsbetreuer“ für alle diese Belange. „ Alle Mitarbeitenden von jusina e.V. machen einen wahrlich guten Job.“ Doch schnell stellte sie fest, dass insbesondere der Bereich des Lernens trotz aller Bemühungen zu kurz kam.
Bezugsbetreuer und zusätzliche Lernhelfer
Die schriftsprachlichen Fähigkeiten der Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von vollständiger Nicht-Alphabetisierung bis hin zu grundlegenden Kenntnissen mehrerer Sprachen. Deutsch ist für einige bereits die dritte Schriftsprache, für viele von ihnen die erste Schrift. Wenige bringen Kenntnisse in Englisch oder Französisch mit, im Haus hört man Sprachen wie Arabisch, Persisch, Armenisch, Portugiesisch, Paschtu.
Was den meisten fehlt, ist eine kontinuierliche schulische Bildung. Stefanie Bönemann-Kühne erkannte, dass die Schulen und Wohngruppen angesichts der Vielzahl an Integrationsaufgaben nicht alles alleine leisten können. Um eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren, müssen jedoch auch die Anforderungen des Berufsschulalltags bewältigt werden – eine große Herausforderung.
Seit rund vier Jahren baut sie daher ein ehrenamtliches Team von Lernhelfern auf, das Einzelunterricht anbietet. Die Altersstruktur der Ehrenamtlichen ist breit gefächert – von 64 bis 88 Jahren – ebenso ihre beruflichen Hintergründe. Jede und jeder bringt individuelle Kompetenzen sowie wertvolle Erfahrungen aus dem Berufsleben mit, darunter eine Grundschullehrerin, eine Industriekauffrau, ein selbständiger Unternehmer, eine Deutschlehrerin, ein Elektroingenieur, ein kaufmännischer Berufsschullehrer, ein technischer Zeichner, ein Volkswirtschaftler. So können die Lernhelfer gezielt auf die individuellen Herausforderungen der Jugendlichen eingehen.
Koordination und individuelle Förderung
Neben ihrer Berufstätigkeit bei jusina e.V. organisiert Stefanie Bönemann-Kühne ehrenamtlich die Gruppe „Zusammenwachsen und zusammen wachsen“.
„Wenn Geflüchtete hier ankommen, sind sie erst einmal Schüler – der Spracherwerb ist der erste Schritt.“ Mithilfe digitaler Lern-Apps wird zunächst ein grundlegendes Verständnis von Wort und Schrift aufgebaut. „Niemand von uns beherrscht all diese Sprachen. Deshalb sind solche Hilfsmittel enorm wertvoll.“
Erst wenn grundlegende Deutschkenntnisse vorhanden sind, kann eine berufliche Ausbildung beginnen. Das erste Lehrjahr wird grundsätzlich auf zwei Jahre gestreckt, da insbesondere die Berufsschule mit ihren unterschiedlichen Fächern eine große Hürde darstellt. In den Ausbildungsalltag wird ein individuelles Lernprogramm integriert, das von den Lernhelfern begleitet wird. Neben Deutsch erhalten die Jugendlichen je nach Bedarf Unterstützung in Mathematik und weiteren ausbildungsbezogenen Fächern.
Gemeinsam mit dem Team der Lernförderer erstellt Stefanie Bönemann-Kühne (Auf dem Foto ist Stefanie Bönemann-Kühne links mit einigen der ehrenamtlichen Lernhelfern abgebildet) für jeden Jugendlichen einen persönlichen Stundenplan. Pro Woche kommen zur Ausbildung bis zu sechs zusätzliche Lernstunden hinzu, die in den Alltag eingebaut werden.
Sie ist Ansprechpartnerin, wenn sich die jungen Menschen in ihrem Programm überfordert fühlen. So berichtet sie von einem Jugendlichen im zweiten Lehrjahr als Metallbauer, der sein Pensum aus Ausbildung, Berufsschule und Zusatzunterrichtsich kaum noch bewältigen konnte. Zusammen mit seinen Lernhelfern und dem Arbeitgeber wurde überlegt, in welchen Bereichen vorübergehend Entlastung möglich ist.
Ein starkes Miteinander
Einmal im Monat trifft sich das Ehrenamtsteam zu einem gemeinsamen Austausch. Dabei wird besprochen, ob Anpassungen notwendig sind, da sich die Bedarfe der Jugendlichen im Laufe der Zeit verändern. Zusätzlich besteht ein regelmäßiger Kontakt zu den jeweiligen Bezugsbetreuern. So entsteht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das nicht nur den jungen Geflüchteten Halt gibt, sondern auch den Engagierten viel zurückgibt. Durch die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten wächst ein echtes Miteinander.
Auf die Frage, warum sie sich neben ihrem Beruf so intensiv ehrenamtlich engagiert, antwortet Stefanie Bönemann-Kühne: „ Ich empfinde diese Arbeit als zutiefst sinnstiftend. Nicht nur mir, sondern dem ganzen Team geht jedes Mal das Herz auf, wenn einer unserer Schützlinge erfolgreich ist. Das feiern wir dann gemeinsam!“ – ah –

