„Es ist ein gutes Gefühl, mit Menschen, die nicht mehr selbst radeln können, die Freude an einem Radausflug zu teilen“, sagt Rolf Saborowski. Für ihn ist jede Tour gemeinsam mit Seniorinnen oder Senioren ein durchweg positives Erlebnis.
Seit 2023 holt er jeden Dienstagmorgen unternehmungslustige Gäste der Caritas-Sozialstation mit einem speziellen Tandemrad zu einer ganz besonderen Fahrt ab. Unter dem Motto „Wollen Sie mitfahren?“ lädt er Seniorinnen und Senioren der Tagespflege zu einem gemeinsamen Radausflug ein. „Dies findet – abhängig vom Wetter – freilich nur vom Frühjahr bis zum Herbst statt. “Die Rikscha ist nämlich unbedacht“, erklärt er schmunzelnd.
Bitte aufsteigen
Die Betreuerinnen der Tagespflege wissen meist schon, wer mitfahren möchte, wenn Rolf Saborowski den Aufenthaltsraum betritt. Drei Personen können pro Vormittag mitfahren. Jede Tour dauert zwischen 45 und 60 Minuten. Kleidungsmäßig entsprechend gerüstet, geht es zu dem in der Auffahrt geparkten Spezialfahrrad, einem E-Trike, das hinten zwei und vorne ein Rad besitzt. Fahrer und Beifahrer sitzen nebeneinander, beide mit einer Lenkstange ausgestattet, allerdings lenkt nur Saborowski selbst.
Der Beifahrersitz lässt sich zur Seite drehen, was das Aufsteigen erleichtert. Ein Gurt sorgt für die notwendige Sicherheit. Die Mitfahrenden können mittrampeln oder die Füße auf einer kleinen Plattform abstellen, ganz nach Lust und Laune.
Los geht`s
Mit rund 1,50 m Breite bewegt sich das Tandem je nach Verkehrslage auf der Straße oder dem Gehweg. Vom Caritas-Gebäude am Nordwall führt die Strecke zunächst über den Bürgersteig in möglichst ruhigere Wohngebiete. Dort gibt es weniger Verkehr und mehr Gelegenheit, sich entspannt zu unterhalten. „Meine Beifahrerinnen und Beifahrer erzählen gerne von früher, von besonderen Momenten oder schönen Begegnungen“, berichtet Saborowski. Es wird auch viel gelacht. Am Ende der Fahrt fällt dann fast immer der gleiche Satz: „Och, schon wieder zu Ende…“
Vom Lehrer zum Rikscha-Fahrer
Seit seinem Eintritt in den Ruhestand 2015 mangelte es Rolf Saborowski nicht an Aufgaben – Familie, Enkel, Garten und Sport füllten seine Tage. Doch der Wunsch nach sozialem Engagement blieb. Die Frage war nur, wo und wie? Über die Freiwilligen-Agentur kam der Kontakt zur Caritas zustande, Mitarbeiterin Sandra Wölke machte ihm verschiedene Vorschläge. „Und als das Tandemfahren mit Senioren zur Sprache kam, hat es bei mir KLICK gemacht“, erinnert sich Saborowski. Seither nimmt er diese ehrenamtliche Aufgabe mir viel Freude wahr.
Bewegung an der frischen Luft und der Kontakt zu Menschen, das passte einfach zu ihm. Seine ersten Fahrten mit Gästen der Tagespflege im Alter zwischen 85 und 95 Jahren bestätigten sein Bauchgefühl. Seine Frau Ehrengard sagt dazu: „Er kommt immer beseelt zurück und freut sich über die Gespräche mit den alten Herrschaften.“
Freude auf beiden Seiten
Die Eindrücke, die Rolf Saborowski schildert, machen mich neugierig. Ich will selbst einmal miterleben, wie die Seniorinnen und Senioren diese kleinen Radausflüge empfinden. Die erste Teilnehmerin begrüßt ihn herzlich: „Schön, dass ich heute wieder dabei sein kann.“ Mit leuchtenden Augen umarmt sie ihren „Rad-Guide“. Der Beifahrersitz ist bereits zur Seite geschwenkt, das Einsteigen der Mitneunzigerin klappt problemlos. Und schon beginnt die Fahrt.
Mit großer Aufmerksamkeit betrachtet sie ihre Umgebung, bewundert die farbenfrohen Vorgärten und genießt den leichten Fahrtwind. Auch das Gespräch mit dem Fahrer scheint ihr viel Freude zu machen. Beim Vorbeifahren winkt sie einer jungen Mutter mit Kind und ruft einer im Garten arbeitenden Frau ein fröhliches „Hallo“ zu.
Gegenden, die sonst unerreichbar sind
Auch der zweite Fahrgast, ebenfalls über 90 Jahre alt, wartet schon gespannt. „Mit dem Rollator komme ich nur kurze Strecken weit, muss immer wieder eine Pause machen, um mich auszuruhen“, sagt er. „Hier sitze ich bequem und sehe Ecken, die ich sonst nicht mehr erreichen könnte.“
Und die letzte Mitfahrerin dieses Morgens ergänzt: „Ich lerne durch das Radfahren mir völlig unbekannte Seiten von Bocholt kennen. Und die Eindrücke bleiben noch tagelang in meinem Kopf.“ Am Ende äußert sie im Sinne aller anderen: „ Es macht Spaß mit Rolf zu fahren. Er ist ein lieber Mensch, findet immer nette Worte. Ich freue mich schon aufs nächste Mal“. – ah –